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Fische

 

 

Titel: Fische

Originaltitel: The Pisces, 2018 bei Hogarth erschienen 

Autorin: Melissa Broder

Übersetzerin: aus dem Amerikanischen von Eva Bonné

Verlag: Ullstein

Format: gebunden mit Schutzumschlag

Erscheinungsdatum: 11/05/2018

Seitenanzahl: 352

Preis: 21,00€

ISBN: 9783550050299

 

 

Zum Verlag: https://www.ullstein-buchverlage.de/nc/buch/details/fische-9783550050299.html

 

 

 

"Fische ist ein Roman über eine obsessive Liebe, der Unwirkliches so selbstverständlich in einen Gegenwartskontext einbettet, dass es heutiger nicht sein könnte. Lucy verliebt sich in Theo, den Meermann, dessen Fischschwanz unterhalb der Lenden beginnt. Als Undine 4.0 zwingt er sie, alles, was sie über Liebe, Lust und die Bedeutung des Lebens zu wissen geglaubt hat, neu zu ordnen."


Die Gestaltung des Covers, in der Farbe Mint hat meine Aufmerksamkeit direkt auf sich gezogen - eine Frau die sich einem Fisch leidenschaftlich hingibt hat mich zunächst eher abgeschreckt und an Mythen, alte Kulturen denken lassen.

Besonders an die Sagen der römischen und griechischen Antike, denn gerade um den Gott Zeus ranken sich ja so manche Erzählungen. Dass meine Assoziation ins Schwarze traf, nachdem ich den Klappentext las, machte mich umso neugieriger.

 

Lucy, 38 Jahre, ist Protagonistin dieses Romans, sie lebt in Phoenix und schreibt dort seit 9 Jahren an ihrer Doktorarbeit, finanziert durch ein Stipendium.

Lucy promoviert über Sappho, eine der bedeutensten Dichterinnen der griechischen Antike. Um Sappho ranken sich ebenso viele Sagen, wie um die alten Götter, vor allem um ihr ausschweifendes und unstillbares sexuelles Verlangen, nicht nur mit Männern sondern vor allem mit Frauen.

Dass Lucy Sappho wählt ist wohl kein Zufall, denn Sex in allen Variationen und ausführlichen, sowie insbesondere pornographischen Beschreibungen, füllen viele Seiten Broda´s Romans.

Durch eine unbedachte, provokative Aussage gegenüber ihren langjährigen Freundes Jamie, kommt es zur Trennung der beiden. Lucy wollte Gegenteiliges erreichen, doch dies ging nach hinten los und sie fällt ins Bodenlose.

Nach einem Wutausbruch und einer gebrochenen Nase von Jamie, erwirkt dieser eine einstweilige Verfügung gegen Lucy, inklusive der Auflage, sich in psychologische Behandlung zu begeben. 

Lucy bricht ihre Zelte in Phoenix ab und kommt bei ihrer Schwester in Venice unter. Diese lebt dort glücklich verheiratet mit ihrem Mann, in einem wunderschönen Haus am Strand und ist anders als Lucy mit sich, der Welt und dem Universum im Reinen. Schwester, samt Gatte reisen für 3 Monate durch Europa und Lucy soll in dieser Zeit das Haus hüten und vor allem den diabeteskranken Hund Dominic, der als Kinderersatz dient, umsorgen und regelmäßig an den angeordneten therapeutischen Gruppensitzungen teilnehmen.

Dominic und Lucy wachsen eng zusammen, vor allem seine körperliche Nähe, genießt sie sehr, doch sie ist immer noch krankhaft davon besessen, Jamie wieder zurück zu wollen und das Ausmaß ihrer psychischen Konstitution wird immer deutlicher.

Zeitweise hatte ich das Gefühl, mein Kopf erleidet ein Schleudertrauma, so sehr fuhr ich auf Lucy's Achterbahn ihrer Gefühle und Gedanken mit. Der Roman wird aus ihrer Sicht geschrieben und dadurch wird die Angeschlagenheit ihrer Gefühls- und Seelenwelt und die sehr ausgeprägte Manifestation ihrer Depression sehr bildhaft und spürbar. Die Gruppentherapie kann auch keine Wunder bewirken, im Gegenteil, sie driftet immer mehr ab, meldet sich bei "Tinder" an, mit der Intention sich ein Harem anzulegen, denn sie glaubt, mehrere Männer gleichzeitig können sie davor schützen, sich wieder in einem zu verlieren.

Durch ausschweifende Sexualkontakte mit Fremden, glaubt sie die Leere in ihrem Inneren füllen zu können, dass es pure Demütigung und Masochismus ist, sieht sie nicht.

Wesentliches, wie zum Beispiel, die treue Hundeseele Dominic, verliert sie völlig aus den Augen.

Als sie eines Nachts Theo begegnet, einem Meermann, setzt ihr Hirn völlig aus und ihre Sucht nach Liebe, Bestätigung und letztlich emotionaler Abhängigkeit ist an Ausmaß kaum zu übertreffen und es kommt zu Kollateralschäden. 

 

Ein Roman über krankhafte Liebe, Selbstaufgabe, Traumata und Anschaulichkeit, wie tief Depressionen einen Menschen sinken lassen können, wie groß Leere in Herz und Seele werden kann und wie verschoben die Wahrnehmung eines Menschen sich dadurch immer weiter von der Realität lösen kann. 

Die Warnung "FSK18" müsste in die linke untere Ecke des Covers. 

 

Der Schreibstil Broder's ist grandios. Ihr Spiel mit den Emotionen überwältigend. 

Manchmal schmunzelte ich, manchmal hätte ich weinen können, empfand Mitleid, Ohnmacht, Wut und Ekel (davon viel!).

Aufgrund der Gesamtheit eine klare Leseempfehlung, vor allem wegen der flüssigen und beeindruckenden Schreibweise. Inhaltlich erfordert Lucy's Geschichte viel innere Distanz. Lucy's Seele ist krank, verletzt und ihr Herz ein schwarzes Loch. Ihr einziger Wunsch, diese Leere endlich zu füllen.

Wenn man sich dies immer vor Augen hält, verurteilt man sie nicht und etikettiert sie nicht als Wahnsinnige.

Ich bin von diesem Roman sehr beeindruckt und hoffe von Melissa Broda bald wieder zu lesen, mit hoffentlich gleicher Sogwirkung.