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Unsere Seelen bei Nacht

 

 

 

Titel: Unsere Seelen bei Nacht 

Originaltitel: Our Souls at Night

Autor: Kent Haruf

Erscheinungsdatum: 2015 bei Alfred A. Knopf, New York, 2017 im Diogenesverlag

Genre: Roman

Seitenanzahl: 197

ISBN: 978-3-257-06986-0

Preis: 20,00€


Inhalt/Klappentext

"Holt, eine Kleinstadt in Colorado.

Eines Tages klingelt Addie, eine Witwe von siebzig Jahren, bei ihrem Nachbarn Louis, der seit dem Tod seiner Frau ebenfalls alleine lebt. Sie macht ihm einen ungewöhnlichen Vorschlag: Ob er nicht ab und zu bei ihr übernachten möchte? 

Louis lässt sich darauf ein. Und so liegen sie Nacht für Nacht nebeneinander und erzählen sich ihre Leben.

Doch ihre Beziehung weckt in dem Städtchen Argwohn und Mißgunst."


Meine Meinung

 

"Und dann kam der Tag, an dem Addie Moore bei Louis Walkers klingelt. Es war an einem Abend im Mai, kurz bevor es endgültig dunkel wurde."

 

Der Titel zog mich an, die beiden Worte Nacht und Seele haben eine magische Anziehungskraft auf mich, der Klappentext war ein weiterer Punkt und dann las ich den ersten Satz und wußte, dass ich dieses Buch lesen will.

Direkt mit dem ersten Satz ist man mitten im Geschehen, die Protagonisten werden genannt, ein Abend kurz vor Eintreten der Dunkelheit erscheint vorm inneren Auge und eine alte Dame, die vor einer Haustüre steht und dort klingelt. Ich musste einfach weiterlesen.

 

In der Hauptsache besteht das Buch aus Dialogen zwischen Addie und Louis. 

Addie ist 70 Jahre alt, Witwe und ausser ihrem Sohn Gene und ihrem Enkel Jamie gibt es keine Verwandten. Gene wohnt allerdings auch weit entfernt. Addie`s verstorbener Mann war zweimal in Folge Bürgermeister der Kleinstadt Holt und alleine dadurch ist sie den anderen Bewohnern nicht unbekannt.

Louis ist über 70 und ebenfalls wie Addie Rentner und Witwer, seine Frau Diane starb nach langer Krankheit und Addie und Diane waren sich oberflächlich bekannt. Louis hat eine Tochter, Holly.

Beide genießen ihr Dasein, die Ruhe und haben Spaß am Leben, jedoch fühlen sich beide einsam, alleine gewiss nicht, aber vor allem die Nächte sind zu still, zu dunkel, niemand ist da der sie wärmt und eine Wärmflasche ersetzt keine menschliche Wärme.

 

"Es geht nicht um Sex.

Das fragte ich mich gerade.

Nein, kein Sex. Das meine ich nicht. ... Ich spreche davon, die Nacht zu überstehen. Es gemütlich und warm zu haben. Zusammen im Bett zu liegen, die ganze Nacht. Die Nächte sind am schlimmsten. Findest du nicht?

...

Und wenn ich schnarche?

Dann scharchst du eben, oder lernst, damit aufzuhören.

Er lachte. Das wäre was ganz Neues."

 

Addie in ihrer ungezwungenen und herzlichen Art bekommt Louis davon überzeugt, dass es wirklich sehr schön wäre. Die beiden haben vorher nichts miteinander zu tun gehabt, was Louis sehr überrascht und leicht überrumpelt. Er ruft Addie wenige Tage nach ihrem Besuch an und fragt, ob das Angebot noch steht, denn er brauchte etwas Bedenkzeit und natürlich steht es noch. So verbringen also ihre erste gemeinsame Nacht miteinander. In der Dämmerung schleicht sich Louis zu Addie und im Morgengrauen verschwindet er wieder. Aber dies bleibt von der Nachbarschaft nicht unentdeckt.

 

"Ich habe mir das genau überlegt - es ist mir egal, was die Leute denken.Viel zu lange habe ich darauf geachtet, mein ganzes Leben lang. Aber damit ist jetzt Schluss.

Wenn du von hinten über den Seitenweg kommst, wirkt es, als würden wir etwas Unrechtes oder Ungehöriges tun, etwas wofür man sich schämen muss."

 

Was die anderen Bewohner der Kleinstadt zu dieser besonderen Freundschaft und schließlich auch Liebe sagen, ist Addie und Louis egal, aber als dann auch noch Gene und Holly ihren Unmut kundtun über das Privatleben ihrer Eltern, ist es nicht so leicht zu überhören.

 

Die Sprache ist ist natürlich, leicht und authentisch, der Fokus aufs Wesentliche gelegt ohne Schnörkeleien. Es ist einfach dem Buch zu folgen, die Tatsache, dass es keine Anführungszeichen gibt bei den Dialogen anfangs verwirrend, aber schnell vergessen.

Der offene, ehrliche, unverblümte, humorvolle und charmante Austausch ist faszinierend und beeindruckend. Es ist schön und interessant den beiden zu folgen, sie zu begleiten, wie aus Nachbarn schließlich verbundene Seelen werden.


Mein Fazit

Ein wunderschönes, ruhiges Buch und eine bewegende Geschichte zweier alter Menschen, die das Leben nehmen, wie es ist und sich das Glück und eine 2. Chance im Alter gönnen.

Ein Buch für Jung und Alt, voller Hoffnung und ohne pure rosa Wolken, denn alles Schöne hat auch eine Kehrseite. 

Klare Leseempfehlung.